Das scheinbar Unmögliche anstreben. Was auch sonst?

Nur so kann das Mögliche überhaupt möglich werden. Das sagte schon Hermann Hesse. Und ich glaube das auch. Doch das setzt voraus, dass ich mich selbst optimal verstehe. Wenn ich mich selbst nicht bestmöglich einzuschätzen vermag, weil ich etwa meine eigene Denkstruktur und damit meine Denkmöglichkeiten nur unzutreffend kenne, dann kann ich sie auch nicht optimal einsetzen. Gehe ich davon aus, dass ich nicht singen kann, werde ich auch nicht singen, obwohl das Nonsens ist, denn wer sprechen kann, kann auch singen. Die Sperre sitzt nur zwischen den Ohren und ein bisschen drüber. Doch dagegen kann man etwas tun, vorausgesetzt man will es überhaupt. Aber das beginnt nicht mit Üben, sondern mit Wissen.

Sehe ich mich nicht in der Lage etwas zu tun, werde ich damit auch nicht anfangen. Also muss ich erst einmal den Schalter im Kopf umlegen. Und wenn ich nicht glaube, dass sich mein Gehirn selbst reparieren kann, wird es das auch wahrscheinlich nur unvollständig tun. Viele meiner Alterskollegen glauben nicht an die neuronale Plastizität ihrer Gehirne – und exakt so sind sie auch. Absolut stabile und nur marginal veränderbare Ansichten. Oder wenn ich glaube, dass ich so bin, wie ich bin, etwas, dass ich nicht liebenswert bin, weil mich meine Eltern nicht geliebt hätten, dann werde ich mein Leben lang nicht aus diesem Tal herauskommen. Natürlich wurde ich in der Welt meiner Eltern erst hineingezeugt und dann hineingeboren, doch was ich daraus mache, das ist nun mal meine Sache und meine Verantwortung und nicht die meiner Eltern.

Eine noch so kluge philosophische Betrachtungsweise der Welt wie der eigenen Situation ist solange für die Katz, solange ich nicht über das aktuelle naturwissenschaftliche Wissen verfüge, über das ich aktuell verfügen kann. Nicht im Detail, aber die Strukturen muss ich kennen. Ein Freund hat mich einmal einen Borderliner genannt, was ich immer so verstand, dass ich mich an der Grenze des Erkennbaren befand und in das noch nicht Denkbare und nur in die Welt der Ahnungen schaute. Heute verstehe ich es ganz anders. Da sind auf der einen Seite die Naturwissenschaften mit ihren Erkenntnissen und die Philosophie auf der anderen Seite. Ich bin sozusagen ein Borderliner geworden, der sich auf dieser Grenze zwischen der Gehirnbiologie, der  Quantenphysik, der Wissenssoziologie einerseits und der Philosophie wie geistigen Weltbildern andererseits bewegt.

Obwohl, genabgenommen ist es ein Dreiländereck, auf dem ich stehe, denn das dritte „Land“ ist das ganz alltägliche Leben. Was nicht lebenspraktisch ist, taugt nicht. Das alles ergibt dann das, was wir unter Ahnung verstehen, wie das Dämmern am Horizont, bevor die Sonne aufgeht. Darum gefällt mir dieser Gedanke von Mahatma Gandhi auch so gut: „Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regeln wird, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden dann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinen Nachbarn nie im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.“

Keine Frage, das klingt verdammt nach Utopie. Natürlich braucht es auch dann klare Absprachen und Regeln, sonst funktioniert das beispielsweise mit dem Straßenverkehr nicht, aber Gesetze, die Verhalten unter Strafe stellt, die wären dann nicht mehr notwendig. Ja, das ist definitiv eine Utopie, aber eine absolut mögliche. Warum auch nicht? Und die will ich leben. Was aber, wenn die anderen nicht mitspielen? Egal, ich tue, was ich für richtig halte, solange ich kann. Ist ja nicht mehr ewig. Aber eines gewöhne ich mir ab, nämlich zu glauben, ich wüsste, ob es 5 vor oder 5 nach 12 ist. Es ist, wie es ist. Und zwar zeitlos.

Wenn ich in der Zeit denke, dann projiziere ich das bisherige Verhalten der Menschen in die Zukunft. Und dann gehe ich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf und weine bitterlich. Aber ich kann doch nicht wissen, wie es laufen wird! Befürchtungen und Hoffnungen reduzieren mich nur in meinem Denken. Denn beides existiert nur in einem Denken in der Zeit. Doch wenn ich ganz im Jetzt bin, im sogenannten Flow, dann ist das der absolut ideale Zustand. Befürchtungen und Hoffnungen reduzieren mich nur in meinem Denken.

Also suche ich Zeitlosigkeit in meinem Denken zu realisieren. Dann kann ich auch das scheinbar Unmögliche denken und entsprechend handeln.