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Die Realität ist weder statisch noch vorgegeben

Doch was bedingt, wie sie sich gestalten wird?

Sie ist im Augenblick genau so, wie sie ist, doch sie wird vor allem auch wie ich das augenblickliche Jetzt interpretiere und wie ich dem gedanklich begegne. Was ich erlebe ist einerseits das, was ist, ohne Interpretation, doch welche Schlüsse ich daraus ziehe, das liegt an mir selbst, an dem, was ich darüber denke. Was ich denke, gestaltet meine Realität, was wiederum von der Struktur meines Denkens abhängig ist. Wie heißt es doch? „Die Quantenphysik lässt den Schluss zu … dass schon das Denken die Realität verändert“ (Christine und Fridolin Man in „Es werde Licht“)

Also will ich wissen, wie ich denke, denn ich will zukünftig die beste der mir möglichen Realitäten erleben. Der Weg dorthin führt erst einmal über die Wahrnehmung dessen, was ich denke. Bin ich mir dessen bewusst, kann ich über den Inhalt auf die Struktur schließen, die einem solchen Denken wahrscheinlich zugrunde liegt. Bin ich mir dessen bewusst, kann ich darüber reflektieren und gegebenenfalls Korrekturen ansetzen, aber nicht bei dem, was ich denke, sondern nur bei dem, wie ich denke.

Das geht natürlich nicht spontan, sondern es verlangt die Struktur meines Denkens so zu gestalten, dass sie dem entspricht, wie ich leben möchte. Das Denken beginnt ja nicht damit, was ich denke, sondern es beginnt mit der zugrundeliegenden Struktur und damit letztlich mit meinem Weltbild und Weltverständnis. Zu dieser Überlegung brachte mich gestern dieser Gedanke aus einem ganz anderen Kontext: „Die Zeit der Priester ist vorbei. Das Individuum kommuniziert direkt mit der Agentur des Komplexen. Alles, was dazwischen steht, ist obsolet geworden.“

Das heißt, ich bin gefordert, eigenständig zu denken. Niemand, der mir Vorgaben macht und dem ich folgen könnte. Ein Idealzustand, wenn ich weiß, was zu tun ist. Da ich ein komplexes dynamisches System bin, funktioniere ich am besten im Zustand der Selbstorganisation. Also muss ich diesen Zustand herzustellen suchen. Definitiv ein Paradigmenwechsel in der Art, mir über etwas Gedanken zu machen, weg vom bewussten Überlegen und Planen hin zur Kunst des Entstehenlassens. Nicht ich denke, sondern „es“ denkt in mir, wenn es mir gelingt, den Fokus von dem willentlichen Überlegen auf einen sogenannten Ordner des Systems zu verlagern.

Ein solcher Ordner stellt eine Ordnung in meinem Verhalten her, so wie Seezeichen einem Segler den sinnvollen Kurs vorgeben. Solche Ordner existierte nicht von Anfang an, sondern ergeben sich entweder spontan oder sie sind auch ganz bewusst gesetzt. Kenne ich ein Setting, dass ein bestimmtes Verhalten indiziert, dann kann ich dieses Setting in meinen Alltag übertragen und setze mir damit einen Kurs für mein eigenes Verhalten. Das kann ich durch eine bestimmte Art der Kleidung erreichen, wie es etwa Mönche tun, aber auch Geishas, oder wie ich meine Wohnung einrichte.

Solche Ordner sind vor allem Konzentration, Achtsamkeit und Bewusstheit. Ein Beispiel: Für das Motorradfahren brauche ich Aufmerksamkeit, Konzentration, Propriozeption und Klarheit als Ordner. Kultiviere ich diese Ordner, werde ich sensibler für meine Art des Fahrens. Ein weiterer, wichtiger Ordner ist das technische Verständnis der auftretenden mechanischen Dynamik, aber auch das Wissen über meine eigenen komplexen Funktionsweise. Über je mehr explizites Wissen ich verfüge, desto stabiler werden diese Ordner und werden dann durch entsprechende Praxis in implizites Wissen überführt.

Das sind die Bedingen, die Selbstorganisation braucht, damit sie sich einstellen kann. Selbstorganisation ist womit es (nicht ich!) die Realität gestaltet, die ich erlebe. Wichtig ist, dass „ich“ mich nicht einmische, sondern sozusagen nur das Drehbuch schreibe, aber nicht umsetze. Dafür sind andere Instanzen meiner Existenz zuständig. Jedenfalls nicht dieses „Ich“, von dem ich immer dachte, es würde mich ausmachen.

Veröffentlicht in Reflexionen