Es dauert nicht mehr allzu lange, und ich werde tot sein.

Daher beginne ich so langsam, vom Tod her zu denken. Wird ja auch Zeit, mit 68. Die meisten meiner Freunde sind schon längst beerdigt. Vieles, was bisher für mich wichtig war, ist es nicht mehr. All das Besitzen-Müssen oder Haben-Wollen schwindet mehr und mehr. Was bleibt ist nur noch das Notwendige, das Wesentliche, das Eigentliche. Das „normale“ Leben erscheint mir immer verworrener. Es ist, als würden viele wie in einer unwirklichen Welt leben, die sie für die Wirklichkeit halten, die aber so gar nichts mit Wirklichkeit zu tun hat.

Als ich anfing, mein Leben sozusagen von hinten zu sehen, erschien mir vieles von dem, was ich bisher für wesentlich und wichtig hielt, als vollkommen irrelevant. Ich maß Dingen eine Bedeutung bei, die sie aber nicht wert waren, die sie absolut nicht verdienten. Soll ich mich etwa auf meinem Totenbett (ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen theatralisch) an das schöne Motorrad erinnern, das ich mir hätte kaufen können? Ich glaube, daran werde ich dann nicht denken, wenn ich im Moment des Sterbens auf mein Leben zurückschaue.

Oder werde ich darauf schauen, wie ich gelebt habe, was ich also in die Welt gebracht und nicht nur was ich hinterlassen habe? Und damit meine ich nicht unbedingt das Bankkonto für meine Kinder und Enkel, auf dem dann vielleicht noch was ist. Ist ja eigentlich paradox: Lebe ich länger, bekommen sie weniger. Was bleibt also von mir, wenn ich gestorben sein werde? Nun, zum einen bleibt, wie ich die Welt mit gestaltet habe, was ich zu meiner Wirklichkeit gemacht und damit in die Welt gebracht habe. Ich weiß nicht, was meine Gedanken heute später bewirken. Aber was etwas bewirkt, das ist, was ich jetzt tue.

Und da kommt man schon verdammt ins Grübeln. Also ich. Ganz einfach, weil die Prämissen sich geändert haben. Aber wenn wir es einmal genau betrachten, dann gestalten wir permanent die Welt, in der wir leben. Und zwar wirklich jeder. Da fällt mir immer gleich der Yellowstone-Nationalpark ein. Nach vielen misslungenen Versuchen, hier eine perfekte Wildnis zu kreieren, hat es eine Spezies hinbekommen, den Park in ein natürliches Gleichgewicht zu bringen: Die Spezies Wolf, nicht der Mensch. Was mich schon sehr nachdenklich über meine Rolle hier auf der Erde gemacht hat.

Sollte der Erde bei der Evolution des Menschen aus der Linie der Affen ein derartiger Fauxpas unterlaufen sein? Obwohl, eigentlich glaube ich das nicht. Nachdem die Physiker seit mittlerweile über einem Jahrhundert erkannt haben, dass die Wirklichkeit ganz anders ist, als wir Menschen uns das bisher so dachten (und viele leider immer noch denken), ist es vielleicht unsere evolutionäre Aufgaben, das für das Leben nutzbar zu machen. Beschäftigt man sich nämlich mit den philosophischen Fragen, die die Quantenphysik aufwirft und setzt sie dann noch in Bezug zu ganz lebenspraktischen Fragestellungen, dann kommt man zu so Gedanken und Einsichten, die unser tradiertes Weltbild gewaltig durchschütteln und regelrecht auf den Kopf stellen.

Doch wir brauchen nur konsequent weiter zu denken, um aus dem Schlamassel heraus zu kommen, in den wir uns mit unserem bisherigen Denken gebracht haben. Es handelt sich dabei um eine kulturelle Revolution, aber keine Revolution im gewohnten Sinn, sondern eine evolutionäre Revolution. Ein Entwicklungssprung, der das Alte nicht zerstört, sondern fortschreibt.

Im Gegensatz zu unserem sonstigen Wissen, haben wir das Wissen, das wir durch die Quantenmechanik gewonnen haben, noch nicht allgemein in unser Denken integriert. Unser gewohntes Leben steht dem irgendwie im Weg. Und diese gedankliche Hürde zu nehmen, das habe ich mir auf die Fahne geschrieben. Mal schauen, ob ich es noch rechtzeitig hinbekomme, so dass ich mit einem leisen, zufriedenem Grinsen gehen kann.