Und was, wenn alles ganz anders ist als ich bisher dachte?

Was würde oder werde ich dann tun? Eine Frage, die sich mir mittlerweile immer öfter stellt. Würde ich nämlich überhaupt sehen beziehungsweise denken können, dass alles ganz anders ist, als ich bisher annahm? Nicht, ob ich dazu bereit wäre, sondern ob ich dazu überhaupt in der Lage wäre? Es ist ja einen Sache, sich auf Diskussionen über die verschiedenen möglichen Weltbilder einzulassen. Das ist kein wirkliches Problem. Doch sich damit auseinanderzusetzen, das ist eine Tätigkeit des Verstandes, sozusagen des aufgesetzten Denkens. Doch das hat absolut keine Kontrolle über mich, das hat allein das implizite Denken.

Kürzlich stieß ich wieder auf dieses Thema bei einem Bericht über Orcas, bei denen es Familien gibt, die eine besondere Fangtechnik entwickelt haben, bei der sie jedoch jedes Mal Gefahr laufen, durch ihr eigenes Körpergewicht erdrückt zu werden, denn sie wagen sich weit auf den Strand hinauf, um junge Seerobben zu fangen. Doch das müssen sie erst einmal lernen. Ältere Orcas-Mütter bringen ihnen das auf eine etwas radikale Weise bei, nämlich indem sie ihnen ganz einfach den Rückweg abschneiden, um ihnen so zu beizubringen, über ihre natürliche Angstgrenze hinauszugehen. Erinnert mich total an meine Motorradfahrerei. Ich „weiß“ zwar, wie weit ich heruntergehen und mich in die Kurve lehnen kann, doch es zu machen, das ist etwas völlig anderes. Das geht nur über üben, üben, üben … .

Und genauso ist es auch mit den Weltbildern. Verstehen kann ich zwar, wie ein materialistisches Weltbild aufgebaut ist und dass das im Grunde genommen nur oberflächliche Aspekte der Wirklichkeit vermitteln kann. Doch vermag ich das, was ich darüber hinaus weiß, auch umsetzen? Das kann ich nämlich nicht, genauso wenig wie ich spontan maximale Schräglage fahren könnte – oder wie ein junger Orca nicht mal so eben auf den Strand hochschwimmen und sich der Gefahr auszusetzen, sich selbst mit seinem Eigengewicht zu erdrücken, wenn er den Point of no Return überschreitet und dann keine Chance mehr hat, lebend vom Strand wegzukommen. Da brauchen Orcas wie Motorradfahrer schon eine Ecke Mut und ganz klar eine Menge Erfahrung. Und die bekommt man eben nicht alleine, jedenfalls ist meine Erfahrung eine andere. Ich hatte gute Lehrer, die mir immer wieder auf dem Motorrad vorfuhren, was eben möglich ist. Und ein Orca macht das wohl auch nicht einfach mal so aus Spaß.

Und exakt so ist es auch mit den Weltbildern. Mein Weltbild einfach einmal so auszusetzen mache ich nicht ohne triftigen Grund, denn das bedeutet, jegliche Sicherheit aufzugeben. Dabei spielt es für mich keine Rolle, dass diese „Sicherheit“ ja keine tatsächliche Sicherheit ist, sondern nur ein Gefühl von Sicherheit. Aber interessiert das mein Gehirn? Nein, das interessiert sich dafür leider überhaupt nicht, denn ob Gefühl oder Tatsache, es behandelt beides gleich. Und das ist das Problem. Wenn ich emotional an „meine“ Schräglage herangehe, werde ich das mir Mögliche nie erreichen. Ich muss also lernen, den Angstmechanismus leiser zu stellen. Schließlich „weiß“ ich ja, dass erst einmal die Angstnippel zu kratzen anfangen und dann immer noch Luft nach unten ist, bevor die Maschine abschmiert – was sie aber trotzdem tun wird, wenn ich dann hektisch werde und den Lenker verreiße. Also Ruhe bewahren! Das selbe werden die Orca-Mütter den jungen Orcas auch sagen, natürlich auf ihre Art. Und genauso ist es auch mit den Weltbildern. Auf die kann man sich nämlich gefahrlos einlassen, sie „passieren“ ja nur im Denken. Dabei ist denken nicht gleich denken, den Unterscheid mach das sich einlassen. Das ist definitiv die Voraussetzung, eine entsprechende Erfahrung überhaupt machen zu können. Doch ohne diese Erfahrung wird es nichts werden – und das gilt für Orcas, Motorradfahrer und auch für an Neuem Denken interessierten Menschen.

Ich werde also absolut nichts tun, wenn ich nicht bereit bin, meine automatische Angstreaktion unter Kontrolle zu bekommen.