Unser Leben wird sich ändern

Und zwar gewaltig. Doch in welche Richtung, das entscheidet erst einmal jeder für sich selbst und dann bestimmt letztlich die Mehrheit, in welche Richtung der Hase laufen wird. Obwohl, wie es schon immer war, genügt schon eine kritische Menge, dass das angestrebte Ziel neu ausrichtet werden kann. Gerade ist in Bayern Kommunal-Wahlkampf. Und schon geht es wieder los mit Hauen und Stechen, mit Beleidigungen und Abwertungen. Als ob das was ändern würde! Das tut es natürlich nicht, sondern es stärkt den Radikalismus, welcher Couleur auch immer. Die Grundtendenz ist klar: Bloß nicht miteinander reden! Dabei wäre es so einfach. Einfach miteinander reden und herausfinden, was stimmig ist. Doch es steckt ein Problem darin. Wie kann man miteinander reden, wenn man von unterschiedlichen oder sogar inkompatiblen Weltbildern ausgeht?

Das setzt voraus, sich auf die Gedanken des anderen einzulassen, sich wirklich einzulassen und nicht sofort den Widerspruchsmodus anzuschalten. Der Widerspruchsmodus ist nichts anderes als ein Selbstverteidigungsmodus, ein ganz klarer Kampfmodus. Fühle ich mich durch die Äußerung eines anderen persönlich nicht angegriffen und auch nicht in Frage gestellt, dann kann ich mir in aller Gemütsruhe anhören, wie er oder sie die Dinge sieht. Weiß ich das, dann muss ich es sowieso erst einmal verifizieren und die entsprechenden empirischen Erfahrungen damit sammeln, bevor ich es überhaupt in mein Denken, Handeln und Leben integrieren kann. Also noch jede Menge Gelegenheit, „Stop!“ zu sagen!

Doch das sagt sich so leicht, viel schwerer ist es, es auch zu tun. Denn Weisheit übersteigt bekanntlich jede Logik. Was ich logisch erklären kann, bewegt sich immer nur in dem Bereich des unmittelbar Erfahrbaren, dem Bereich des Wissens und auch des Nachweisbaren. So ist es für mich ganz logisch, dass jede Krankheit im Geist beginnt. Für mich, nicht aber für andere. Ich kenne genügend Menschen, die mir bei solchen Aussagen zumindest in Gedanken einen Vogel zeigen. Das ist so, weil der Startpunkt der Logik immer nur unsere eigenen Erfahrungen sind, die Basis, von der aus wir denken. Und diese persönlichen Basen liegen manchmal an den gegenüberliegenden Ende des Universums. Und daran ändert sich auch nichts, wenn man nebeneinander sitzt und sich angeregt unterhält. Die geistige Entfernung kann gleichwohl gewaltig sein.

Es braucht also etwas ganz anderes, nämlich die innere Bereitschaft, es auch – zumindest erst einmal – als wahr anzusehen, was der andere sagt. Also nicht nur sich darauf einzulassen, sondern darüberhinaus dem anderen Wissen zu unterstellen, das man selbst noch nicht hat. Dann ist ein wirkliches Umdenken möglich. Ein Beispiel: Albert Einstein und Niels Bohr waren sich ja in der Beurteilung der Erkenntnisse der Quantenmechanik absolut uneins. Sie versuchten sich immer wieder gegenseitig zu widerlegen. Bei Einstein stand dabei nicht unbedingt die Quantenmechanik im Vordergrund, sondern, wie Anton Zeilinger immer wieder betont, sondern etwas ganz anderes. Scheinbar hatte er begriffen, welche fundamentalen Fragen diese Erkenntnisse aufwerfen würden. Fundamentale und nicht etwa physikalische. Und die sich dadurch aufdrängenden logischen und konsequenten Schlüsse waren mit seinem Weltbild einfach nicht kompatibel. Er wollte wohl schlicht nicht wahrhaben, was er zu sehen in der Lage war. Natürlich ist das eine Vermutung, denn explizit gesagt hat er das nie – obwohl er selbst durch seine Erkenntnisse den Stein ins Rollen gebracht. Das kann einem nicht passieren, wenn man sich nur Interesse halber gedanklich auf solchen Pfaden bewegt, ansonsten aber mit seinen Gedanken noch ganz woanders unterwegs ist. Denn da macht vorher der Verstand dicht und sagt: „Stop! Hör auf! Jetzt wird es echt gefährlich für Dich! Du willst doch nicht sterben, oder?

Verstehe ich mich oder auch die Welt völlig anders als bisher, dann „zerstört“ das mein Weltbild. Akzeptieren kann man das relativ leicht, wenn man gescheitert ist, das Leben eh in die Brüche gegangen ist und man so ziemlich alles verloren hat, was einem bisher das Gefühl von Sicherheit vermitteln konnte. Vielleicht sollte man doch das Leben lieber vom Tod her leben. Aber sonst? Da wird es dann schon schwieriger. Man muss von der Frage ausgehen, warum jemand in ein Zen / Chan oder ein christliches Kloster geht? Oder er wirklich ernsthaft und nicht nur oberflächlich praktiziert, weil es eben schick ist? Ernsthaft praktizieren wird nur der, der sich erhofft, das wiederzufinden, was er verloren zu haben glaubt.

Aber es gibt noch einen anderen weg, nämlich zu erkennen, dass nicht nur das individuelle, persönliche Verständnis von der Welt falsch ist, sondern dass unser kollektives Weltbild genauso reduziert ist. Von daher ist es eigentlich kein Wunder, dass sich Zen-Menschen mit einer Berufsgruppe so prächtig verstehen, nämlich den Quantenmechanikern. Vor mittlerweile mehr als einem Jahrhundert haben die Quantenphysiker erkannt, dass die Welt ganz anders ist, als man bisher dachte. Die Wirklichkeit ist tatsächlich nicht berechenbar, sie lässt sich nicht mit mechanischen Prinzipien herleiten. Der Begriff der Komplexität hielt Einzug in unsere Sicht, die Welt zu sehen.

Ich will hier keinen Exkurs über die fundamentalen Fragen der Quantenphysik und ihre Auswirkungen auf unser Denken und Leben schreiben, sondern nur ein paar Gedanken dazu. Ansonsten empfehle ich die Bücher von Natalie Knapp, einmal Der Quantensprung des Denkens: Was wir von der modernen Physik lernen können und Kompass neues Denken: Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können. Das grundsätzliche Problem fängt wohl schon bei der Sprache an. Niels Bohr, einer der wichtigen Quantenphysiker, beantwortete die Frage, ob es nicht eine neue Sprache bräuchte, mit einem klaren „Nein!“ Das sei so wie Geschirrspülen: Mit nicht sonderlich sauberem Spülwasser und auch nicht unbedingt reinen Geschirrtüchern bekomme man trotzdem sauberes Geschirr. So sei es auch mit den fundamentalen philosophischen Fragen der Quantenphysik, die ja, anders als die Physik, sich nicht der Mathematik bedienen kann. Und das geht auch.

Gerade habe ich das „Das Naturbild der heutigen Physik“ von Werner Heisenberg gelesen und ich möchte behaupten, dass ich auch kapiert habe, was er da so schreibt. Voraussetzung ist natürlich, dass ich mein gewohntes Weltbild und damit auch mein Selbstverständnis bereit bin, vollkommen in Frage stellen zu lassen. Bedeutsam ist dabei die Feststellung, dass physikalische Aussagen weder die Aufgabe noch die Fähigkeit haben, das Wesen der Naturerscheinungen zu enthüllen, so wie sie an sich selbst sind. Physikalischen Bestimmungen sind nur Bilder, aber keine objektiven Tatsachen. Über deren  Übereinstimmung mit den Naturgegenständen wir lediglich in einem Punkt eine Aussage machen können, nämlich, ob die logisch ableitbaren Folgen unserer Bilder mit den empirisch beobachtbare Folgen der Phänomene übereinstimmen, für die wir die Bilder entwerfen. Mit anderen Worten: Die hypothetischen Bilder eines ursächlichen Zusammenhangs, mit denen wir an die Naturphänomene herantreten, müssen sich in der empirischen Erfahrungen als brauchbar erweisen.

Man kann das auch etwas radikaler so ausdrücken: Was wir wahrnehmen ist nicht das, was es zu sein scheint. Wir glauben zwar ein Auto zu sehen, doch sehen wir wirklich ein Auto? Oder wenn ich meine Frau oder meine Töchter sehe, sehe ich sie dann wirklich?