Vorsichtiger Beginn

Wichtig ist, dass man nicht gleich mit den kompliziertesten und komplexesten Fragen oder Praktiken anfängt, sondern ganz einfach Schritt für Schritt vorangeht. Meine Enkel haben ja auch nicht gleich mit dem Arbeiten begonnen, sondern erst einmal mit den einfachen Dingen des Lebens. Aber immer verbunden mit dem unbändigen Willen, mehr Praxis zu bekommen und zu erreichen.

Ich könnte es auch anders ausdrücken, ihnen geht es nämlich alleine darum, ihre Potenziale weiter zu entfalten – und nicht nur gesetzte Ziele zu erreichen. „Erfolg zu haben“ hat für sie einen ganz anderen Stellenwert. Es geht ihnen um sich selbst und nicht um das Ergebnis. Das unterscheidet sie definitiv von manchen Erwachsenen, vor allem, dass sie dabei auch noch ordentlich Spaß haben. Und auch ich habe immer nur das wirklich gelernt und dann auch noch behalten, was mir Spaß gemacht hat. Was ich büffeln musste, habe ich nach dem Abitur ganz schnell wieder vergessen.

Entscheidend war dabei immer, dass es mir Spaß machte – und nicht die Lehrer spaßig waren. Das war unwichtig. Segeln etwa war für mich wichtig. Doch um gut segeln zu können waren Physikkenntnisse notwendig. Also lernte ich mit Begeisterung Physik, auch wenn der Lehrer ein richtiger Griesgram war. Heute beschäftige ich mich wieder mit klassischer Physik, einfach um besser Motorradfahren zu können. Dafür brauchte und brauche ich Wissen in klassischer, mechanischer Physik.

Die Grenzen des Wissens der klassischen Physik

Doch sowohl beim Segeln wie auch beim Motorradfahren hat das seine Grenzen, nämlich immer dann, wenn ich selbst, meine Fähigkeiten, Vorlieben, Annahmen und so weiter ins Spiel kamen. Ich funktioniere nun einmal nicht nach den Regeln der klassischen Physik. Und das ist nicht nur beim Motorradfahren und beim Segeln so, sondern im ganzen Leben. Überall, wo „Ich“ drinsteckt, herrschen ganz andere Regeln.

Die spannende Frage ist nur: Welche sind das? Meine Antwort wird den einen oder anderen sicher verwundern, denn ich behaupte, dass es indirekt die Regeln der Physik sind. Aber nicht der klassischen, mechanischen Physik, sondern die der Quantenphysik. Albert Einstein hat einen wichtigen (und völlig unwidersprochenen) Gedanken geprägt: „Mit dem Denken, durch das man sich in ein Problem manövriert, kommt man nicht wieder heraus.“ Also muss man grundsätzlicher denken.

Die Denkstrukturen, die uns heute zur Verfügung stehen, sind im 16. und 17. Jahrhundert entstanden. Und die entsprechen, man mag es kaum glauben, der klassischen Physik Isaac Newtons. Was aber nicht verwundert, denn diese Regeln beschreiben ziemlich exakt, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Und das haben wir auch noch ordentlich kodiert, nämlich in unserer Sprache.

Quantenphysik – Aufbruch in ein weiteres Denken

Doch mit der Entdeckung der Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte eine Erweiterung unserer Denkstrukturen einhergehen müssen, eine Evolution unseres Denkens. Der klassischen Physik liegt wie gesagt eine Reihe von Annahmen über das zugrunde, was ich wahrnehmen kann. Doch die moderne Physik geht da einen Schritt weiter. Die spannende Frage aber ist, was das mit meinem Denken zu tun hat.

Um das zu erklären, braucht es einen Zwischenschritt, nämlich die Philosophie. Die moderne Physik wirft tatsächlich eine Reihe fundamentaler Fragen auf, die eben philosophischer und lebenspraktischer Natur sind. Wenn ich sehe, dass meine bisherige Art und Weise mein Denken zu strukturieren 1 zu 1 der klassischen Physik entspricht, dann hat das einen ganz banalen Grund. Unsere „Art“ die Welt wahrzunehmen hat zur Gestaltung unseres Erlebens geführt – und damit zu unserem Denken. Das wiederum hat dann zur Ausgestaltung unserer Sprache und auch zur Definition der klassischen Naturgesetze geführt.

Heute wissen wir, dass das jedoch nur ein reduziertes Bild der Welt ist. Die Quantenphysik beschreibt ein weitergehendes Weltbild. Und das hat auch etwas mit jedem von uns zu tun. Ich finde, dass sich dies sehr gut an unserem eigenen Körper beschreiben lässt. Wie wir uns bewegen können, ist ganz klar durch das Skelett und die Muskeln vorgegeben. Doch warum ist dann der eine wesentlich gelenkiger als ein anderer?

Wir wissen heute, dass wir Menschen (und nicht nur wir) über einen 6. Sinn verfügen, Propriozeption genannt. Damit bezeichnen wir die Wahrnehmung von Körperlage und -bewegung in Raum und Zeit und das Bewusstsein für die Positionierung der einzelnen Körperteile zueinander. Es handelt sich dabei um eine Eigenempfindung. Das Schöne an diesem Sinn ist, dass man ihn üben kann. Ist er nämlich verkümmert und nicht ausgebildet, dann tun wir uns schwer in der Bewegung, wenn wir sie nicht auch sehen können.

Die Regeln sind offensichtlich andere

Doch dieser 6. Sinn „gehorcht“ eben nicht den Regeln der klassischen Physik. Er wirkt zwar auf unser Skelettsystem, aber er funktioniert nicht beziehungsweise ist nicht nach den selben und auch nicht gleichen Regeln organisiert. Das ist übrigens auch das „Geheimnis“ des Konzepts von Moshé Feldenkrais. Anders als Physiotherapie arbeitet es nicht nur mit dem Skelett, sondern aktiviert eben den geheimnisvollen 6. Sinn.

Und so, wie es diesen 6. Sinn gibt, gibt es eine Entsprechung, und zwar auf der rein geistigen Ebene. Doch was hat das mit Physik zu tun? Ich denke einiges. Denn so, wie die Welt beschaffen ist, was ja das Thema der Physik ist, bin ich selbst ja auch irgendwie beschaffen. Ich muss mir dabei nur darüber im Klaren sein, dass der Stuhl auf dem ich sitze, die Vögel die ich beobachte und ich selbst uns über einen sehr, sehr langen Zeitraum aus einem identischen Seinszustand des Alls entwickelt haben. Bei den Tieren und Vögeln ist es leicht zu sehen, dass wir einen ziemlich identischen Grundbauplan haben; nur eben sehr unterschiedlich ausformuliert.

So, wie die klassische Physik durch unsere Wahrnehmung der Welt entstanden ist, sollten wir jetzt einmal die Erkenntnisse der Physiker nutzen, um Erkenntnisse über uns selbst zu gewinnen. Dabei darf man nicht vergessen, dass es geistige Traditionen gibt, die schon lange so denken – ganz ohne Quantenphysik. Es ist einfach eine Frage der Erkenntnis. Doch dafür muss ich nicht nur genau hinschauen, sondern auch bereit sein, hinter die Dinge zu schauen.

Also ist die erste Frage, der ich mich stellen muss die, was die Welt und ich gemeinsam haben. Dann weiß ich auch, was ich anwenden kann, um auch mich selbst besser zu verstehen.