Warum bin ich, wie ich bin?

Und vor allem: Kann ich das ändern? Ob ich ganz unschuldig auf die Welt kam, weiß ich nicht, aber nach der Zeugung war ich es gewiss noch. Doch bei meiner Geburt war ich ja schon 9 Monate lang in Mutters Bauch erzogen worden, musste mich also auf ihre Emotionen und ihr Erleben als meine Welt einstellen. Und mit dieser Grundausstattung kam ich auf die Welt, nicht, weil ich so war, sondern weil ich mich schon auf mein Erleben dieser Welt eingestellt hatte, mich damit arrangiert hatte, damit in Beziehung getreten war. Schließlich wollte ich ja leben, jedenfalls bin ich davon absolut überzeugt.

Aber da taucht bereits ein gewaltiges Verständnisproblem auf. Denn dieses „Ich“, von dem ich da schreibe, das gibt es ja nicht wirklich, sondern nur Abermillionen von Zellen, die sich zu einem System verbunden und vernetzt haben. Der erste Schritt zum Verständnis der gesamten Dynamik ist, dass nicht nur „Ich“ Emotionen wahrnehmen kann, sondern jedes Organ und letztlich jede Zelle. Und die können sich auch entscheiden. Denn wenn „ich“ das kann und auch eine Fliege, dann kann das jede lebendige Zelle. Einfache Zettel´sche Logik. Wenn ich mich / wir uns heute entscheiden können, dann konnte ich (wir) das auch schon viel früher. Wie, das weiß ich nicht, aber es funktionierte und funktioniert auch weiterhin.

Mein Denken, die Welt in der ich zuhause bin

Doch wenn ich wissen will, warum ich bin, wie ich bin, muss ich aufpassen, welche Begriffe ich verwende. Die damit einhergehenden inneren Bilder können einen nämlich auf eine ganz falsche gedankliche Spur bringen. Wenn ich zum Beispiel „ich“ sage und dabei das Bewusstsein von nur einem und nicht von vielen habe, dann ist das ok, wenn ich etwa sage, dass ich gerne einen Kaffee hätte, aber es ist nicht ok, wenn ich mich frage, warum ich denke, wie ich denke. Da nehme ich dann schnell etwas persönlich, was gar nicht persönlich ist. So kann es passieren, dass ich „meine“ Intelligenz gewaltig limitiere, nämlich auf das, was ich weiß, womit ich ein Problem hätte. Und ein unzutreffendes Verständnis von Bewusstsein lässt mich auch in eine ganz falsche Richtung denken. Genauso muss ich sehr aufmerksam und bedacht bei Begriffen sein, denn das, was sie umschreiben, gibt es nur in meiner Vorstellung, doch tatsächlich ist es etwas anderes. Oder haben Sie schon einmal eine Firma gesehen? Ich nicht, nur Gebäude und arbeitende Menschen. Ein ursprüngliches Wesen habe ich auch noch nie gesehen. Gehe ich jedoch davon aus, ja dann sitze ich schon in einer gedanklichen Sackgasse, denn dann ich gehe von etwas aus, das es nicht gibt.

Antwortet mir jemand auf eine Frage wie die, warum ich bin, wie ich bin, dann habe ich diese Antwort, wenn es denn eine ernst gemeinte Antwort war, erst dann verstanden, wenn ich sie jenseits der Begriffe verstehe. Ich muss also sehr aufpassen, nicht bei den Begriffen hängen zu bleiben, denn dann bleibe ich im Verstandesdenken hängen und komme nicht auf den Grund, wo die Erkenntnis geduldig darauf wartet, erkannt zu werden. Aber irgendwie muss man das scheinbar tun, also mit Begriffen arbeiten, auch wenn man am Ende über sie hinausgehen muss, um in einer hochkomplexen Welt zu Erkenntnissen zu kommen. Wie hat das Wittgenstein einmal so wunderbar gesagt: Wer ihn verstehen will, muss über seine Sätze hinausgehen, als wären diese eine Leiter, die man nach Gebrauch wegwirft. Der Leser muss also die Sätze überwinden, damit er sieht, was gemeint ist. Und auch die Begriffe, denn ein Begriff definiert nichts, sondern beschreibt nur.

Den Dingen auf den Grund gehen

So ist das auch hier, es sind Sätze, die die Sicht auf die Welt nicht verstellen, sondern die Welt vorstellbar machen sollen. Vorstellbar, aber nicht definieren oder erklären. Aber zurück zu der eigentlichen Frage. Die kann man nämlich sehr unterschiedlich verstehen. Einmal kann man ihr versuchen, inhaltlich auf den Grund zu gehen, etwa um zu verstehen, warum ich so und nicht anders geworden bin, oder ich versuche die dahinterliegende Dynamik zu erkennen, also die Form, die genau diese Inhalte generiert hat. Weiß ich das, weiß ich auch, was ich anders machen kann oder auch muss. Spreche ich nämlich über den Inhalt, ändert sich nichts wirklich, allenfalls wird es ein wenig anders arrangiert; spreche ich hingegen über die Form und arrangiere die anders, dann bekomme ich in Zukunft vollkommen neue, andere Inhalte.

Was bewegt zwei Systeme (Mutter und Vater) ein anderes System (mich) zu erziehen und was bewegt dieses System wieder andere Systeme (meine Kinder) dann auch wieder zu erziehen? Man nennt es ganz einfach Leben. Das funktioniert nämlich so. Um die Art zu erhalten, werden Gene weitergegeben, wesentlich spannender aber ist, vor allem bei den Menschen, was mit der Epigenetik an die nächste Generation weitergegeben wird. Komplettiert wird das dann durch Erziehung. Ich habe gerade einen Film über die Erziehung junger Hyänen gesehen. Faszinierend ist, wie diese Tiere, hier aber nur die Mütter, ein überhaupt nicht genetisch und auch nicht erblich vorgegebenes Dominanzverhalten, sondern eine durch Kommitment definierte gesellschaftliche Struktur an ihre Kinder weitergeben. Wie sie das machen? Durch Erziehung! In der Hyänengesellschaft scheint eine spezifische Dominanzstruktur als gesellschaftliche Struktur zum Überleben der Art beizutragen. Ganz offensichtlich, sonst gäbe es wohl keine Hyänen mehr, die wären dann schon längst ausgestorben.

Das Bekannte wird weitergegeben – leider

Das gesellschaftliche Know-how wird also von den Tieren weitergegeben, vorrangig von den Müttern. Und, ich hoffe dass man mir das nicht allzu übel nimmt, bei den Menschen ist das nicht anders. Nur haben wir Menschen, anders als Tiere, ein sehr grundsätzliches Problem. Irgendwie ist unser Leben unnatürlich geworden, was man im Grunde nur schwer übersehen kann. Was das ist (Inhalt!) interessiert jedoch paradoxerweise nicht, sondern nur, wie wir uns gedanklich anders (besser) organisieren können (Form). Aber dazu später noch ein paar Gedanken. Eltern geben also an ihre Kinder weiter, was ihrem jeweiligen Kenntnisstand entspricht. Meine Eltern waren ausgesprochen dominante Menschen, und das haben mein Bruder und ich auch perfekt kopiert. Den ersten Knacks bekam bei mir diese Struktur witzigerweise in einem Internat. Mein Dominanzverhalten wurde nicht etwas gebrochen, sondern in soziales Verhalten umgeleitet. Mein Beruf hat das alte Dominanz-Muster dann leider wiederbelebt. Bis ich dann einen wirtschaftlichen ko-Schlag bekam, da ging das Ganze vollends in die Brüche. Aber schon seit der Zeit im Internat war mir irgendwie klar, dass da etwas nicht stimmen kann. Also mit mir.

Ich wurde also, wie meine Eltern zur Zeit meines Werdens und meiner Kindheit dachten, was sie für richtig hielten und was ich dann auch brav übernahm. Wohlgemerkt, ich, schließlich wollte ich ja leben. Nur war mir das absolut nicht bewusst, dass ich und auch nicht was ich übernahm, denn ich dachte lange, dass ich das irgendwie müsste. Dabei war mir einfach nicht klar, dass ich mich freiwillig unterwarf, wie Étienne de La Boétie es in seinem Text Von der freiwilligen Knechtschaft treffend beschreibt. Und vor allem war mir nicht bewusst, dass all das, was ich von ihnen übernahm, auch zur Folge hatte, dass ich den Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und natürlichen Impulsen nur dadurch lösen konnte, dass ich das schlichtweg ausblendete, indem ich diesem Konflikt nicht erlaubte, in meinem Denken (bewusst) Platz zu nehmen. Also verdrängte ich es, wie so viele andere auch. Die einen mehr, die anderen weniger. Es gibt ja sogenannte Großkopferte, die das eher bereit sind auszuleben statt zu verdrängen; aber Hand aufs Herz – ist es bei denen grundsätzlich anders?

Aus dem Kreislauf ausbrechen

Nein, das ist es nicht, sie ziehen nur andere Schlüsse aus dem Erlernten und sie gehen wohl mit den einhergehenden Konflikten anders um. Auch meine Herkunft ist nur Zufall. Ich stelle mir oft die Frage, wie ich wohl geworden wäre, wenn ich in der ehemaligen DDR groß geworden wäre. Ich befürchte, dass ich mit meinem erlernten Dominanzverhalten eine Karriere bei der STASI gemacht hätte, was mir Gott sei Dank erspart geblieben ist. Geschichte wiederholt sich meines Erachtens nach nie, nur wir Menschen machen es oft wie unsere Altvorderen nach dem Prinzip Copy & Paste. Ob wir das aus freien Stücken machen? Das glaube ich wirklich. Nur – und das ist das wirkliche Drama – es ist uns absolut nicht bewusst, was wir da machen. Und die alten Traditionen lasten nicht auf unseren Köpfen, sondern sind in ihnen – nur leider völlig unreflektiert. Gezeugt und geboren werden wir alle unschuldig. Doch dann machen wir uns unschuldig schuldig. Wogegen wir erst einmal nicht ankönnen, denn wie soll sich ein Kind dessen bewusst sein? Doch irgendwann sollte uns bewusst werden, was wir da tun.

Wir sollten uns dabei bewusst sein, dass wir Wirklichkeit gestalten, auch wenn uns das oft nicht bewusst ist. Gestern, heute und auch morgen. Und es liegt an uns selbst, besser an unserem Bewusstsein, ob wir nur wieder und wieder das Alte kopieren oder mit etwas Neuem beginnen. Manchmal zwingen wir uns indirekt auch selbst, etwas Neues anzufangen. Wir nennen das dann blumig psychosomatische Erkrankung. Oder wir machen es wie ich und gehen pleite, „eigentlich“ ohne Grund. Dabei ist der Grund ein ganz anderer. Wie sagte doch Erich Fromm? Dass die Kranken die eigentlich Gesunden sind? Genau so ist es! Denn es zeugt nicht von seelischer Gesundheit, an eine kranke Gesellschaft angepasst zu sein. Krishnamurti sieht es so. Und das ist so. Konvention und Wirtschaftssystem sind die Kröten, mit denen wir es in unserem Leben zu tun haben. Und diesem vermeintlichen Diktat unterwerfen wir uns nur zu leicht. Die Frage, warum wir das tun, ist müßig. Wichtig ist alleine zu erkennen, dass dies – Pardon – bescheuert ist und aus diesem Automatismus auszusteigen.

Wer sich gestaltet kann, kann sich auch wieder ändern

Ich bin nicht, wie ich bin, sondern ich bin, wozu ich mich selbst gemacht habe. Die Ausgangssituation ist vorgegeben, doch nicht, was ich daraus (aus mir) gemacht habe. Also kann ich es auch wieder ändern. Doch das ist schwierig, denn es bedeutet, das eigene Ego von seinem Sockel herunterzuholen. Also sich selbst. Muss ich dazu aber wissen, warum ich geworden bin, wie ich bin? Nein, das muss ich nicht. Ich muss nur bereit sein zu sehen, wie ich bin. Und ich muss die Strukturen kennen, die in uns Menschen aktiv sind. Es genügt also nicht die Oberfläche zu beschreiben. Das hieße nur die Inhalte zu beschreiben, aber nicht die tatsächliche Ursache. Nein, es geht hier um die Struktur. Und die ist in jedem Menschen die gleiche. Doch das muss ich wissen, das ist die Voraussetzung, um die Form zu definieren, die dann letztlich die gewünschten Inhalte erzeugt, wenn sie erst in meinem Leben fest verankert ist. Aber zurück.

Die Konflikte, die ich erlebte, ließen mich erkennen, dass etwas nicht rund läuft in meinem Leben. Doch das war es nicht alleine, sondern dazu kam die Einsicht, dass das Problem höchst persönlich bei mir lag – und nicht bei anderen. Und das hat ja auch etwas Positives. Bei anderen kann ich nichts ändern – aber in meinem Verhalten sehr wohl. Ich weiß noch wie heute, ich stritt mal wieder mit meiner Frau, saß frustriert und stinksauer auf der Treppe und brabbelte vor mich hin, dass sie wie meine Ex wäre. Im selben Moment ging mir ein ganzer Kronleuchter auf. Denn sie und meine erste Frau waren alles mögliche, nur sich nicht die Spur ähnlich. In diesem Moment begriff ich, dass mein Problem einen unschätzbaren Vorteil hatte: Es war allein meines! Und das war das wirklich Positive daran, denn nur deshalb konnte ich es auch ändern. Der Gehorsam, der mich so bescheuert sein ließ, der existierte nur in meinem Kopf. Tatsächlich aber war ich frei. Nur ich wusste es leider nicht.

Die Freiheit zu sein

Doch als ich das erkannte, stürzte ich regelrecht ab und wehrte mich vehement gegen diese Einsicht. Denn dass das ja bedeutet, dass ich es auch ändern kann, wenn ich selbst der Grund für das Problem bin, das konnte ich erst erkennen, als mein Ego den Kampf aufgab. Gerade habe ich auf FB diesen Post eingestellt: „Weltbilder sind nicht in Beton gegossen. Warum aber fühlt es sich scheinbar so an, als würde einem das Fundament des eigenen Seins abhanden kommen, wenn das eigene Weltbild in Frage gestellt wird?“ Ganz einfach deshalb, weil „mein“ Weltbild ein Abbild meines Selbstbildes ist – oder umgekehrt. Welt- und Selbstbild sind identisch, nur die Blickrichtung ist eine andere. Doch warum wehrte ich mich? Ganz einfach, weil ich die Verantwortung dafür nicht tragen wollte, wie ich war, wie ich bin und wie ich sein werde. Doch das wurde mir erst nach Jahren überhaupt bewusst. Heute stehe ich ganz allein in der Gegend herum, sozusagen, und muss selbst verantworten, wie ich bin. Niemand da, auf den ich das abschieben oder projizieren könnte. Keinem, dem ich die Schuld an meinen Fehlern geben kann.

Ich bin ganz einfach selbst verantwortlich. Es hat lange gedauert, bis ich das akzeptieren konnte. Doch wenn ich mir schon früher hätte bewusst sein können, dass mir das einen verdammt schweren Rucksack von den Schultern genommen hätte, was wäre ich losgestürmt und hätte mit Vergnügen die Verantwortung für mich selbst übernommen! Natürlich bedeutet das nicht, dass ich jetzt tun und lassen könnte, was ich will. Aber ich entscheide mich jetzt, ob ich nach vorne laufe, stehen bleibe oder zurück gehe. Oder nach rechts wie nach links. Meine Entscheidung. Und nicht etwa, dass ich das jetzt könnte! Denn gekonnt habe ich das schon immer und auch getan. Nur eben einer Ideologie folgend, die schlicht und einfach nicht zu mir passte, weil ich sie nicht haben wollte. Und damit konnte ich sein. Nicht der ich wollte, aber ich konnte bewusst sein. Und das macht einen gewaltigen Unterschied. Keiner, der mir vorgibt, wie ich sein sollte oder müsste. Aber das kann ich nicht mal so und mal anders entscheiden, denn ich bin, wie ich bin.

Andere Form, anderes „Ich“.