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Worüber ich reden kann und worüber nicht

Komplexität kann ich zwar beschreiben, aber ich kann sie nicht positiv definieren. Vor allem habe ich keine Sprache, die in der Lage wäre, das Absolute zu fassen. Nicht ohne Grund hat Meister Eckhardt festgestellt, dass man Gottes quitt werden müsse, um Gott zu schauen.

Komplexität ist das, was sein kann, niemals das, was ist. Das, was ist, lässt sich klar und logisch definieren, so wie die Spur, die ich hinter mir lasse, wenn ich durch den Schnee gehe. Doch der Weg, den ich noch gehen könnte, der ist nicht da. Ich kann ihn nur in Form von Wahrscheinlichkeiten ausdrücken.

Es gibt einen Aspekt des Lebens, über den ich mir kein Bild machen kann. Und da hilft es weiter, die Dinge eben nicht positiv zu beschreiben. Positiv beschreiben kann ich nur das, was existiert. Über Wahrscheinlichkeiten aber kann ich nur spekulieren. Doch ich kann negativ darüber sprechen. Damit kann ich das Absolute für mich erfahrbar machen, nicht konkret, sondern abstrakt.

Nagarjunas Verneinungen und die negative Theologie haben das identische Thema. Es ist ein Unterschied, ob man die Gischt beschreibt – oder eben das Meer. Die differenzierte Gischt lässt sich klar beschreiben, nicht aber das undifferenzierte Meer. Die Schwierigkeit war für mich immer, dass ich mir das „Meer“ des Lebens irgendwie vorzustellen suchte, doch das geht eben nicht.

Es ist ja auch interessant wenn man bedenkt, dass die kleinsten Teilchen, die die Elementarphysiker bisher entdeckt haben, erst einmal überhaupt nicht da sind und auch nie lange existieren. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Wie könnte man das besser ausdrücken als mit dieser Verneinung Nagarjunas: Nicht-zur-Erscheinung-Kommen, Nicht-aus-ihr-Verschwinden. Wäre ich ein Physiker, der sie gerade nicht messen kann, dann gibt es sie einfach nicht.

Doch das bedeutet nicht, dass dieses Nichts nichts wäre. Es hat nur keinerlei Form, keinen konkreten Inhalt, nichts, was sich beschreiben ließe. Es gibt nun einmal Dinge, die ich nur durch das beschreiben kann, was sie eben nicht sind, als dass ich versuchen könnte, ihnen positive Eigenschaften zuzuschreiben. Aber dass ich das nicht beschreiben kann, ist nicht das, worum es mir hier geht. Denn um mein Leben leben zu können, muss ich in der Lage sein, mich zu vergessen, denn sonst gibt es keine Selbstorganisation.

Nur wenn ich bereit bin, mich wirklich in den Geist zu versenken, nicht mehr bewusst über etwas nachzudenken, dann blubbt es hoch, entstehen Erkenntnisse wie Einsichten, dann kann Neues entstehen. Wenn mein „Ich“ wie ein Higgs-Teilchen verschwindet und ich es nicht festzuhalten suche, dann taucht es wieder auf und bringt etwas mit, was es noch nicht gab.

Die Struktur meines Denkens, sozusagen meine Haltung bezüglich dieses Denkens, bedingt, was aus dem Nichts auftaucht. Doch was es ist, kann ich nicht sagen. Wenn ich etwas Spezifisches erwarte wird es nicht auftauchen, sondern nur, wenn ich offen und bereit bin, mich überraschen zu lassen.

Veröffentlicht in Reflexionen